
Dipl.-Finw. (FH) Stefan Werner ist EDV-Fachprüfer in der Steuerverwaltung des Landes Brandenburg mit Schwerpunkt Datenanalyse und Visualisierung. Er arbeitet seit 18 Jahren als Dozent. Algorithmen unterrichtet er dabei schon länger, aber KI ändert alles, wie er sagt. Er gibt einen Einblick in die Möglichkeiten, die Lehrenden und Lernenden dadurch entstehen.
Herr Werner, wie haben Sie selbst sich dem Thema 'KI' in Ihrer Unterrichtspraxis genähert?
Stefan Werner: Zunächst habe ich wie alle anderen die Chatbots benutzt und erst einmal gelernt, nicht alles zu glauben. Danach habe ich gemerkt, wie wahnsinnig schnell ich mir aber damit ein Thema aneignen, wie ich lernen kann – heute binnen Stunden, wo ich früher Wochen gebraucht hätte. Wie mit Lichtgeschwindigkeit! Später ließen sich Präsentationen und Lehrgangsunterlagen hochladen und Trainigsdaten einfach erzeugen. Letzteres war für mich wieder eine wahnsinnige Arbeitserleichterung, da ich früher erst lange nach Beispieldaten suchen und sie dann auch noch mühselig anonymisieren musste. Heute kann ich mir 700.000 fiktive Datensätze in 15 Tabellen mit vorgegebenen Fallparametern in wenigen Minuten erzeugen lassen.
Inwieweit würden Sie sagen hat KI Ihre Arbeitsgeschwindigkeit gesteigert?
Werner: Ich scheue mich nicht, in einigen Bereichen hier den Faktor 10 zu nennen – doch es geht längst nicht nur um Zeitersparnis, sondern vor allem auch um Qualitätssteigerung. Denn die besagten Daten hätte ich so vorher gar nicht gefunden, so dass es diesen praktischen Schulungsinhalt in dieser Güte nie gegeben hätte. Natürlich muss man am Ende aber immer noch einmal alles reflektieren.
Lassen Sie uns auf die Lernenden schauen – wo sehen Sie hier die größten Potenziale?
Werner: In der Individualisierbarkeit des Lernens im Hinblick auf Tempo und Inhalte. So kann man zum Beispiel Transkripte des Unterrichts hochladen, in denen alles steht, was vom Lehrenden gesprochen wurde. Die Lernenden haben diese dann nicht nur zur Verfügung, sondern können sich nun mit der KI über deren Inhalte unterhalten, gezielte Fragen stellen, sich vertiefende Materialien geben oder ein weiteres Rechenbeispiel erzeugen lassen. Dieses bearbeiten sie, erhalten wiederum Feed-back der KI und so weiter. Ein Punkt, der nicht vergessen werden sollte, ist die Tatsache, dass introvertierte Menschen im Präsenzseminar häufig ihre Fragen aus Scham nicht stellen – dieses Problem entfällt ebenfalls, wenn das Gegenüber eine KI ist.
Wie verbreitet ist eine solche Lernpraxis bereits?
Werner: Das Ganze ist der Fläche sicherlich erst rudimentär in dieser Form vorhanden, meiner Überzeugung nach aber in spätestens fünf Jahren Standard. Der Hauptgrund für die eher langsame Verbreitung ist der Umstand, dass die Leute nicht bereit sind, privat Geld in die KI zu investieren und dann nur die schlechteren Modelle zur Verfügung haben. Zur Zeit braucht es noch viele verschiedene Tools für die einzelnen Aufgaben, das wird sich aber ändern. Die neuen Möglichkeiten werden die Lehre massiv befeuern; künftig wird es in allen Bereichen weniger darum gehen, Grundlagen zu vermitteln – das macht man mithilfe der KI vorab – sondern mehr darum, sich mit Spezialaspekten und Beispielen zu beschäftigen.
Eine Art vorbereitendes Selbststudium... Wie muss ich mir das praktisch vorstellen?
Werner: Kennen Sie NotebookLM? Damit können Sie sich bereits heute aus verschiedenen Materialien Lernvideos erstellen lassen. Hinterlegt mit Fachwissen aus der Vergangenheit lässt sich auf diese Weise eine Art Instantlehre oder Avatarlehre aufsetzen, die im Übrigen keine Arbeitsplätze vernichtet. Denn die Finanzverwaltung kann zum Beispiel heute gar nicht alle Kurse so oft anbieten, wie sie nachgefragt wären. Außerdem muss die Kuration der Daten immer der Mensch machen, da in unserem Bereich 90 Prozent Sicherheit, die KI liefert, nicht ausreicht.
Wo liegt Ihrer Einschätzung nach die Grenze der Möglichkeiten?
Werner: Im Moment braucht die KI noch sehr viel Anleitung, kann noch nicht die Erfahrungen, die ich gemacht habe, automatisiert in ihr Agieren einbeziehen, quasi wirklich mitlernen. Ganz grundsätzlich aber ist der limitierende Faktor irgendwann einmal der Mensch, der den ganzen Output ja noch überblicken muss. Außerdem denke ich, wird der Mensch künftig einschreiten, wenn er das Gefühl hat, die KI wird schlauer als er selbst.
Gibt es auch ein schwerwiegenderes Problem, dass sie in Verbindung mit dem verstärkten KI-Einsatz sehen?
Werner: Es müsste politisch und gesellschaftlich mehr in den Fokus, dass die Technologie die Möglichkeiten verschiebt – und zwar in einer Weise, dass diejenigen, die heute schon eher abgehängt sind, dies in Zukunft noch mehr sein werden, Stichwort 'Digital Divide'. Denn einer großen Bevölkerungsschicht bleiben leistungsstarke Modelle schlichtweg aus finanziellen Gründen verschlossen. Und nicht nur das: Die KI merkt anhand der Eingabe wie schlau derjenige ist, der davor sitzt, etwa am verwendeten Vokabular. Dementsprechend werden unterschiedliche Bereiche im neuronalen Netz aktiviert, die Ergebnisse des Gebildeteren sind viel bessere als die des weniger Kundigen.
Dipl.-Finw. (FH) Stefan Werner ist EDV-Fachprüfer in der Steuerverwaltung des Landes Brandenburg mit Schwerpunkt im Bereich der Datenanalyse und Visualisierung von elektronischen Massendaten. Zudem ist er als Dozent im Bereich des Datenzugriffs, der -analyse und der -visualisierung sowie der Nutzung von IDEA und Power BI im Land Brandenburg, in anderen Länder-Finanzverwaltungen und als Gastdozent an der Bundesfinanzakademie tätig.
CustomGPTs sind individuelle KI‑Chatbots, die auf bestimmte Aufgaben spezialisiert sind. Zum Beispiel kann ein CustomGPT für dein Kanzlei‑Wiki Antworten auf häufige Fragen geben – etwa, was bei einer Mandatskündigung zu beachten ist. Der Clou: Du kannst solche Bots selbst erstellen und mit Kolleg:innen teilen, ohne Programmierkenntnisse.
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